24. Tag: Von Sèrmide nach Bagnolo San Vito
die Karte
Der Po fließt langsam und gemächlich seinem Ziel, dem Meere zu.
Seit ich ihn zum Reisegefährten habe, färbt er immer mehr auf mich ab.
Meine Tagesetappen werden immer überschaubarer. ...
(Dieser Text wird ebenfalls immer langsamer beim Lesen, habt Ihr es gemerkt?)
Das ist natürlich der Hitze geschuldet. Kurz nach 8:00 Uhr bin ich auf dem Damm und schaue, dass ich möglichst nicht länger als bis 14:30-15:00 auf dem Rad bin.
Die kühle Brise auf dem Damm macht das Fahren erträglich. Aber wehe, man bleibt stehen um zu Fotografieren, oder man fährt hinunter in die Dörfer. Dann merkt man erst, wie knackig heiß es in der Poebene ist. Dass ich die Sonne den ganzen Vormittag im Rücken habe, ist natürlich von Vorteil.
So können die Rad-Meditationen weiter gehen!
Ich habe mir schon überlegt, ob ich ein neues Geschäftsmodell daraus entwickeln soll. Mit "Manne meditieren":
"Mit dem Po Meditieren!" (hört sich vielleicht doch zu zweideutig an)
"Po-Rad-Meditations" (irgendetwas englisches müsste mit rein)
"Podeln sie Ihren Kopf frei" (Podeln= Po+Radeln! - ich weiß es selbst, schlechte Wortspiele sind eine Schwäche von mir!)
Doch von Anfang an:
Das Frühstück in der Villa Schiavi war so gut wie das Essen gestern Abend - und im Garten genauso idyllisch. Heute Morgen waren noch mehr Vögel im Garten, ich glaube ich habe im hinteren Bereich sogar Wachteln gesehen.
Das war eindeutig wieder ein Highlight unter den Unterkünften. Eine Mischung, die mir sehr gefallen hat:
Englisches Understatement ( Moment mal? Hat es das tatsächlich einmal gegeben?)
Französisches savoir vivre
und Italienische grandezza
- und im Hintergrund noch ein wenig solides deutsches Handwerk (vom Großvater eingebracht)
Die alten Herrschaften sind vielleicht nicht mehr die Schnellsten, aber dafür hat diese Unterkunft ihren ganz besonderen Charme, und die Oma, die mir das Rührei brachte ( aus einem Ei? Geht gar nicht!!), war einfach zum Knuddeln.
Trotzdem bin ich kurz nach 8 auf der Straße. Von meinem geliebten Damm, auf der linken Seite, trennt mich derzeit noch der Fluss. Also wieder über eine Brücke, und wieder sind es schweißtreibende Minuten, mit erhöhtem Puls, denn der "Fußweg" ist genau so schmal und verbaut, wie gestern.
Nur, dass heute der Verkehr noch etwas lebhafter ist.
Aber schließlich bin ich wieder im Veneto (und inzwischen, wohl in der Lombardei?), das eindeutig mehr Wert legt auf seine Radwege, als die Emilia Romana.
Und wie gestern. Kein Mensch auf dem Damm. Fernradfahrer habe ich seit Venedig keinen einzigen mehr gesehen. Bis 9:30 sind die Schnell-noch-eine-Runde-vor-der-Arbeit-Rennradfahrer unterwegs, wenn es hoch kommt waren das heute 10. 4 -5 ältere Damen auf dem Weg zum Markt und ein gutes Dutzend Dosenmenschen (aber die zählen wir ja nicht!!), die sich heute auf dem Damm anständig verhalten haben.
Da ich, wie gesagt, die Strecke im Augenblick überschaubar halte (zwischen 50-60 km), habe ich jede Menge Zeit für das touristische Programm.
All die Dörfer, mit ihren schönen Kirchtürmen und den rustikalen Dächern, sehen vom Damm aus einladend aus. Bergantino, zum Beispiel, mit seinem sehr alten Campanille und dem schönen kleinen Marktplatz. Und überall gibt es nette kleine Cafés, in denen alte Männer Zeitung lesen und rauchen.
Herr Einstein, warum haben Sie eigentlich keine Formel entwickelt, auf welche Weise sich die Zeit unter Einfluss von erhöhten Temperaturen dehnt!
Viele der kleinen Kirchen (wenn ich genau gezählt habe waren es 4) sind von außen gesehen interessanter, als von Innen. Die Plage der Barockisierung hat hierzulande gnadenlos zugeschlagen.
Einzig Bergantino hatte eine Überraschung parat
Bislang war mir nicht bekannt, dass der heilige Domenico von einem Ninja-Krieger mit einem Wurfstern in den Stand der Heiligkeit versetzt worden ist. Aber man kann ja nicht alles wissen.
Eine Frage an meinen bajuwarisierten Sohn: Schafft der Bayer es jetzt nicht mehr alleine, sein Bierproduktion zu vertilgen? Muss er jetzt auch noch ganz Italien damit versorgen???
(OK, gegen Abend freue ich mich schon auch auf ein "Helles")
Ostiglia droht schon von Weitem - und fällt völlig aus dem Schema. Für ein Kohlekraftwerk sieht es in der Gegend aber doch recht manierlich aus!
Ostiglia, da muss ich schnell dran vorbei, dachte ich. Und dann die Überraschung.
Hinter dem Kraftwerk, ein Städtchen mit Stadttoren und Resten von Stadttoren und einem Wochenmarkt in der ganzen Altstadt. Hat Spaß gemacht
Ich habe es, glaube ich, noch nicht erwähnt, dass diese Gegend hier berühmt ist für seine Wassermelonen. Kommendes Wochenende findet hier auch ein großes "Melonenfest" statt. Wieder einmal zu früh!
Diese Kollegen hingegen, sind nicht aus der Gegend. Aber sehen nicht minder lecker aus!
Ostiglia war es wirklich wert, den Damm zu verlassen, obwohl das Kraftwerk und die Hochhäuser am Stadtrand, eher abschreckend gewirkt haben.
Für den regelmäßigen Leser dieses Blogs kommt jetzt eine Wiederholung! An den letzten beiden Tagen habe ich verschiedentlich auf die nahezu ununterbrochenen "Pappelplantagen", links vom Damm hingewiesen. Pappeln in jedem Alter. Heute löst sich das Rätsel auf:
Der Geruch von nassem Papier liegt schon seit einiger Zeit in der Luft
Hier landen all die Pappeln, früher oder später!
Etwas Ähnliches haben wir schon im Tigre und in Uruguay gesehen. Wenn die ursprünglichen Auen- wälder erst einmal zerstört sind, dann ist es vielleicht die zweitbeste Lösung der Papierindustrie die Möglichkeit zu geben, für Nachschub zu sorgen. Auf jeden Fall wird hier am Po eine gigantische Menge CO2 wenigstens für ein paar Jahre gebunden.
Von wildromantischen Auenlanden reden wir jetzt einmal nicht.
Bei Governolo wieder eine Überraschung. Staustufen? In der platten Ebene? Seit ich den Po entlang fahre, habe ich noch kein einziges Schiff gesehen, nicht einmal einen Freizeitsegler oder Hobby-Angler. Wozu diese gigantischen Schleusen, und das gleich 3x.
Wenn ich die Karten richtig verstanden habe, ist hier das Mündungsgebiet des Mincio. Der wiederum ist um Mantua herum in 3 Seen gestaut, und am Unterlauf ist das Naturschutzgebiet Mincio.
D.h. die Wehre scheinen eher dazu da zu sein, die Wasserstände zu regulieren.
Aber wozu dann diese enormen Schleusenkammern?
Hofft Mantua noch darauf, einmal Hafenstadt zu werden??
Ach ja, falls sich jemand gefragt hat, warum ich heute nicht Mantua als Etappenziel anstrebe, hier die Antwort:
Ist mir zu weit weg vom Po (2x15 km extra dazu konnte ich mich nicht aufraffen),
war ich schon mal,
UND der Andreas Hofer geht mir an seiner speckigen Lederhose aber so was von vorbei!
Ihr wisst schon: "Zu Mantua in Banden.." Die Tiroler "Nationalhymne", die man auch heute noch nicht parodieren oder "verunglimpfen" darf - habe ich auch nicht vor, ehrlich!!!
Ist derzeit zwar keine "Hymnenbeleidigung" mehr, aber kann immer noch 2.000€ kosten. Die spinnen die Tiroler!!
Dabei könnt Ihr, lieber Tiroler froh sein, ehrlich, dass der Hofer, Andreas nicht an die Macht gekommen ist. Das hätte einen schönen KS gegeben (Katholisch fundamentalistischen Staat)!
Also Mantua muss ich nicht noch mal haben.
Dafür aber einen 2.Versuch mit Agritourismo. Nachdem das bei Latisana und den "2 Pappeln" ja nicht so der Bringer war.
Hinter Governolo nur noch enorme Maisfelder. Das sieht nicht gut aus.
Aber dann, inmitten der Felder. Die "Albero del Latte" Das läßt sich sehen. Aber ich bin einen Tick zu früh. An der Tür steht, dass sie erst ab 15:00 da sind. Ich gehe um´s Haus und rufe ab und zu zaghaft. Siehe da, mir wird aufgetan, und ich darf gleich in mein Zimmer.
Ihr seht recht, da oben ist mein Zimmerchen. Sehr originell, sehr rustikal, aber mit "Klima" und Fliegengitter. Was will man mehr. Und einem Pool:
Den ich, Ihr werdet es nicht glauben, auch schon benutzt habe. Stellt Euch einfach vor, dass ich hier vor einer halben Stunde, m i n d e s t e n s 6x (vielleicht auch nur 4x) hin und her geschwommen bin. War sehr erfrischend.
Aber hier im Schatten zu sitzen und den Blog zu schreiben, ist nicht minder angenehm.
Ich weise darauf hin, dass die Gegenstände in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit heute von links nachts rechts zu lesen sind!
Es ist schön auf dem Land.
Bisher nur Fliegen - und das leichte Aroma von Gülle. Kennen wir so auch aus Engen.
Dass aber das Wasser in der Dusche die ersten Minuten ein ähnliches Aroma hatte, war dann doch eher gewöhnungsbedürftig.
Ich bin gespannt auf das Abendessen.
Ach ja, seit Venedig bin ich bei jeder Unterkunft mit Namen begrüßt worden. Außer mir, hatte immer nur eine andere Person einquartiert. Heute sind es immerhin 2 befreundete Paare und ein Kind.
Bei diesen Temperaturen könntest du dein neues Geschäftmodell ja dann “thermopodeln“ nennen.
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