23.Tag: Von Polesella nach Sèrmide
die Karte
Die allerschönsten Radtage sind die völlig ereignislosen Tage. Tage, an denen man vor sich hinreist. Vor sich hin denkt, bis man merkt, dass man schon längere Zeit überhaupt nichts mehr gedacht hat.
Flow nennt man das wohl.
Tage, an denen man seinen Blog schon geschrieben hat, wenn man vom Fahrrad absteigt.
So einer der allerschönsten Radtage war heute. Die Strecke verlief weiter oben auf dem Damm. Weiter sinistra. Weiter mit dem wunderbar kühlen Lüftchen, das den wieder heiß werdenden Tag erträglich machte.
Ich finde die Pobebene überhaupt nicht langweilig.
Zumindest den größten Teil des Tages ist die Landschaft durch kleinteilige Landwirtschaft geprägt. Wein, Mais, Soja, Weideflächen, an der Straße ein Haus, dahinter zum Damm hin die Felder, aber nicht in agrarindustriellem Ausmaß, das kam später.
Und links neben mir, zum Fluss hin "Pappelfelder" zur Papierholzproduktion. Mal "erntereife" Pappeln, mal neu angepflanzte.
Je nach dem, konnte man den Fluss sehen oder auch nicht.
Ich bin schon um 8:15 auf dem Damm gewesen - und im Nu war es gegen 10:00.
Und siehe da! Auf einmal gibt es Kirchturmuhren, die funktionieren. Das Städtchen muss ich mir doch anschauen und einen "Café" trinken.
Das muss in Paviole gewesen sein. Um den Kirchturm mit der funktionierenden Uhr, 3 kleine Bars, meine mit "slot-saloon". Auf dem Weg zur Toilette, eine halbdunkle "Spielhalle". Aus der Toilette müffelt es. Ein einsamer Spieler sitzt vor seiner Maschine. Ein trauriges Bild. Am Eingang zu den Spielautomaten fällt mir auf, dass die "Öffnungszeiten" genau reglementiert sind. Gespielt werden darf von 10:00 bis 13:30 und von 17:00 bis 22:00 Uhr. Ob das hilft Spielsüchtige davon abzuhalten sich bis zum Gehtnichtmehr verschulden? Warum muss sich hier wie bei uns der Staat und eine Automatengesellschaft dumm und dämlich verdienen und bis ins letzte Dorf Spielsalons zulassen! "Jeder hat das Recht sich selbst zu ruinieren!" Das scheint eine gängige Losung dieser Tage zu sein.
In den anderen Bars ist Montag um 10:00 Uhr auch nicht mehr los.
Also zurück auf den Damm.
Da oben werde ich gleich rechts aus dem Bild radeln. Man kann sich gar nicht vorstellen, warum man sich vor diesem "harmlosen" Fluss auf der anderen Seite mit so hohen Dämmen schützen muss.
Auf beiden Seiten des Damms ist es jetzt knackig heiß. Nur oben weht weiter die frische Brise.
Die Amici del Po haben hier wirklich einen schönen Platz. Doch auf diese Freunde kann der gute alte Po gerne verzichten. Noch viel lieber als den Fluss, haben sie offensichtlich "Castrol" und alle seine Nebenprodukte.
Nach Stienta gibt es fast nur noch alte Gehöfte. Sehen malerisch aus. Aber so malerisch stelle ich mir es nicht vor, hier zu leben.
Es ist überhaupt einsam auf diesem Streckenabschnitt. Fernradler? Fehlanzeige. Ein paar ältere Herren auf Rennrädern. Einer von ihnen begleitet mich ein, zwei Kilometer. Wir "unterhalten" uns nett, so weit mein Italienisch und sein Englisch reichen. Ein Opa mit 3 Enkelkindern, das war´s eigentlich schon. Ach ja, eine joggende Dame und 3 oder 4 Menschen in Blechdosen, aber die zählen ja nicht in der Statistik der Begegnungen.
Um die Mittagszeit, Ficarolo.
Wieder einer der unglaublich schrägen Glockentürme. Diese schlanken Campanile sehen wirklich sehr schön aus. Es muss an dem sumpfigen Untergrund liegen, dass hier so viele Kirchtürme Schwierigkeiten haben senkrecht zu bleiben. Die dazugehörigen Kirchen waren bisher eher eine Enttäuschung. Ficarolo schenke ich mir.
Ein/e Künstler*in macht auf dem Radweg gelegentlich auf sich aufmerksam. Den Namen konnte ich leider nicht mehr lesen. Die Schrift auf den Zetteln war schon zu sehr verblasst.
In Ficarolo muss ich aufpassen. Denn hier ist die letzte Gelegenheit auf die andere Flussseite zu wechseln. Meine heutige Unterkunft liegt auf anderen Seite! Also werde ich heute noch ein paar Kilometer den Po destro testen. Aber wie komme ich auf die Brücke? Das Fahrradweg-Zeichen führt auf einen Treppenturm aus Metall, 3 Absätze hoch und eng. Nein, also wirklich. Ich trage mein Fahrrad jetzt nicht auf die Brücke hoch! Da fahre ich lieber einmal im Dorf herum!
Was kein Problem ist. Weniger schön, dagegen: die Brücke wird stark frequentiert. Lastwagen!
Und das hier ist keine Alternative. Schon gar nicht mit einem Fahrrad und 2 Satteltaschen. Hätte ich tatsächlich das Fahrrad die Treppen hoch getragen, wäre ich etwa 100m von hier festgesteckt!! Glück gehabt.
Auf der "anderen Seite" gibt es auch ein Damm-Sträßchen. Der Belag ist aber nicht annähernd so gut wie auf der linken Seite. Dafür bin ich jetzt aber auf dem offiziellen Po-Radweg UND auf dem
EuroVelo 8. Dieses Mal korrekt mit Sternen. Der Fernradweg 8 beginnt in Athen und geht bis Cadíz. Fragt mich nicht, wie viel tausend Kilometer das sind. Einige davon bin ich auch schon gefahren. Auf meiner ersten Reise kam ich in der Camargue mit ihm in Kontakt und bin dann mehr oder weniger bis Dénia in seiner Nähe geblieben. Das waren schon mal gut 1.000 km . Und heuer, sind es auch schon ein paar Hundert. Denn auf der Höhe von Bibione sind wir auf ihn gestoßen und seither bin ich ihm gefolgt (allerdings bis heute auf der "falschen" Seite).
Hinter der Brücke scheinen 3 Provinzen zusammenzustoßen. Venetien, Emilia Romana und die Lombardei. D.h. die Grenze zur Emilia Romana ist der Fluss.
Hinter der Brücke scheinen 3 Provinzen zusammenzustoßen. Venetien, Emilia Romana und die Lombardei. D.h. die Grenze zur Emilia Romana ist der Fluss.
Die Festung Stellata ist mir komplett entgangen. Im Internet lese ich, dass sie Weltkulturerbe ist und die Anfänge bis ins Jahr 1000 zurück gehen. Besichtigen kann man sie anscheinend nicht, da sie vom Erdbeben 2012 stark beschädigt wurde. ACH SO! DAS WAR STELLATA!! Da ich nicht schon wieder Ruinen und baufällige Gebäude in den Blog stellen wollte, habe ich das wichtigste Gebäude auf meiner heutigen Etappe nicht fotografiert! So kann es gehen, wenn man sein Gastland zu respektvoll behandeln will!!
Ein paar Kilometer hinter Stellata ein anderes historisches Denkmal. Sehr klein. Fast hätte ich es übersehen.
Eine Gedenktafel für 3 Männer 16, 25, und 35 die am 24.April 1945 - ein Tag vor Kriegsende in Italien- an dieser Stelle "brutal abgeschlachtet wurden". Von wem verschweigt die Tafel. Aufgestellt worden ist die Tafel 2004.
Die Anerkennung von Greueltaten in den letzten Kriegstagen hat auf Deutscher Seite lange gedauert. Also könnte 2004 stimmen. Aber hätte man das nicht auf der Tafel vermerkt?
Im Internet konnte ich bis jetzt keinen Hinweis finden.
Von Stellata ist es nicht mehr allzu weit bis Sèrmide, wo ich mich für heute in der Villa Schiavi angemeldet habe.
Ja, vornehm geht die Welt zugrunde. Nach zwei aakzeptaablen Unterkünften heute wieder etwas mit Stil. Man gönnt sich ja sonst nichts (wobei, liebe Friederike, die heutige Nacht nur 2/3 der Jugendherberge in Salzburg kostet). Die Villa ist alt, sicher 18.Jahrhundert, aber super modernisiert. Der Chef, ein älterer Herr, deutlich älter als ich, begrüßt mich auf Deutsch. Sein Großvater ist zum Studieren aus München gekommen und hier "hängen geblieben".
Wie es scheint ein Kunststudium. Denn die ganze Anlage ist voll mit hochwertiger Kunst. Der Herr hat den hinteren Teil des Anwesens. Ein riesiges Atelier oder Wintergarten. Großartig. Und etwas zu essen bekomme ich auch. Auch wenn Montag und Dienstag das Restaurant eigentlich zu hat. Aber für Gäste wird etwas gekocht. Finde ich toll!
Damit Ihr einen kleinen Eindruck bekommt, wo Euer Blogger heute bloggt:
Die wichtigsten Utensilien in der Reihenfolge ihrer Bedeutung von rechts nach links!
Und das der Blick, wenn Euer Blogger ins Weite schaut, um nachzudenken!
Ach ja, in meinem Zimmer, Zeichnungen und Drucke. 5 FOLONS! Ich kann es nicht glauben. Den kenne ich schon aus den 60er Jahren, Jean Michel Folon, Belgier, ist mindestens so wichtig Sempé. Das sind keine "humoristischen" Zeichnungen, sondern visuelle Poesie mit Humor.
Gerade habe ich meinen Gastgeber gefragt, ob er weiß was es mit der Gedenktafel auf sich hat. Er weiß es auch nicht. Ist aber völlig überrascht und meint, das interessiert ihn auch. Er ist 1942 in Ferrara geboren, hat aber noch nie etwas von diesem Massaker gehört.
So Ihr Lieben, ich bin richtig gespannt, was mir heute zum Abendessen geboten wird.
Aber noch ist Zeit für ein Bier und, um der Sonne beim Untergehen zuzuschauen!
Hatte ich oben nicht davon erzählt, wie schön "völlig ereignislose Tage" sind?
Dafür habe ich jetzt aber seitenlang geschwafelt! Ich hoffe es nervt Euch nicht, bis ins letzte Detail über die Ereignisse eines völlig ereignislosen Tages informiert worden zu sein.
Ich hoffe sehr, der morgige ist ähnlich ereignislos!!
Und für Friederike, - die Andern bitte wegsehen- mein Lieblingsbild aus meinem Zimmer:
Wie es scheint ein Kunststudium. Denn die ganze Anlage ist voll mit hochwertiger Kunst. Der Herr hat den hinteren Teil des Anwesens. Ein riesiges Atelier oder Wintergarten. Großartig. Und etwas zu essen bekomme ich auch. Auch wenn Montag und Dienstag das Restaurant eigentlich zu hat. Aber für Gäste wird etwas gekocht. Finde ich toll!
Damit Ihr einen kleinen Eindruck bekommt, wo Euer Blogger heute bloggt:
Die wichtigsten Utensilien in der Reihenfolge ihrer Bedeutung von rechts nach links!
Und das der Blick, wenn Euer Blogger ins Weite schaut, um nachzudenken!
Ach ja, in meinem Zimmer, Zeichnungen und Drucke. 5 FOLONS! Ich kann es nicht glauben. Den kenne ich schon aus den 60er Jahren, Jean Michel Folon, Belgier, ist mindestens so wichtig Sempé. Das sind keine "humoristischen" Zeichnungen, sondern visuelle Poesie mit Humor.
Gerade habe ich meinen Gastgeber gefragt, ob er weiß was es mit der Gedenktafel auf sich hat. Er weiß es auch nicht. Ist aber völlig überrascht und meint, das interessiert ihn auch. Er ist 1942 in Ferrara geboren, hat aber noch nie etwas von diesem Massaker gehört.
So Ihr Lieben, ich bin richtig gespannt, was mir heute zum Abendessen geboten wird.
Aber noch ist Zeit für ein Bier und, um der Sonne beim Untergehen zuzuschauen!
Hatte ich oben nicht davon erzählt, wie schön "völlig ereignislose Tage" sind?
Dafür habe ich jetzt aber seitenlang geschwafelt! Ich hoffe es nervt Euch nicht, bis ins letzte Detail über die Ereignisse eines völlig ereignislosen Tages informiert worden zu sein.
Ich hoffe sehr, der morgige ist ähnlich ereignislos!!
Und für Friederike, - die Andern bitte wegsehen- mein Lieblingsbild aus meinem Zimmer:
Bleibt mir gewogen! Und schaut Morgen wieder vorbei!
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