18. Tag: Venedig - die Biennale, Giardini



Erster Ruhetag! Venedig! Biennale de Venezia! 

Aber heute haben wir erst einmal ausgeschlafen! Gerade noch so haben wir es zum Frühstück geschafft. Aber die Biennale öffnet auch erst um 10:00 Uhr.

Heute also die Giardini.
Wir sind gespannt - und auch ein bisschen besorgt. Documenta Stress kenne ich. Menschenmassen, überall anstehen.
Nichts von alledem heute Morgen. Mit dem Vaporetto rüber in die Gärten, kein Anstehen an den Kassen, kein Geschiebe, kein Gedränge, alles sehr entspannt - und sehr heiß!


Das Thema hätte ich den Veranstaltern am liebsten persönlich um die Ohren gehauen  - so etwas von dämlich!!!
Warum, bitte schön, sollten Zeiten "interessant" sein , und wann bitte schön waren Zeiten "interessant" - und für wen? Interessant ist eine Kategorie des Luxus und des Überflusses!! Ist es interessant, wenn man morgens nicht weiß, ob man heute etwas zu essen bekommt? Sind die Zeiten interessant, wenn bornierte Betonköpfe  Hass gegen andere predigen?
Und überhaupt, soll ich jemand interessante Zeiten wünschen, wenn es doch jedermanns eigene Sache ist, sich für die Gegenwart zu interessieren!
Dieses Motto ist mindestens genauso hirnverbrannt wie unser regionales Event: "Slow up!" - Aber darüber will ich mich heute nicht wieder ärgern. Da bei gibt es doch schon das ultimative Zitat zum Zustand der Zeit:

Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten,
es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Dummheit,
es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens,
es war die Saison des Lichts, es war die Saison der Dunkelheit,
es war der Frühling der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung,
wir hatten alles vor uns, wir hatten nichts vor uns,
wir gingen alle direkt in den Himmel, wir alle machten uns in die andere Richtung auf ... 

(good old Charles Dickens, Geschichte zweier Städte)

Die Biennale. Nationenpavillons. Imponierarchitektur. "Leistungsshow" der Länder. Eigentlich ein völlig gestriges Modell.

Und dennoch funktioniert die Biennale, ist interessant, spannend und es gibt jede Menge zu entdecken, allerdings- und das ist letztendlich die Aufgabe von Kunst, hat sie sich eher "dem Winter der Verzweiflung" zugewandt.
Was wir heute gesehen haben ist vielfach eine verzweifelte ratlose Kunst angesichts der grenzenlosen Dummheit, die sich ausbreitet. Fast niemand glaubt mehr , das "Böse" mit Mitteln der Vernunft bekämpfen zu können.
Viele der Pavillons sind Pandämonien, Geisterbahnen, Horrorkabinette.
Ohne Hoffnung blicken viele der Künstler*innen in den Abgrund, und wir mit Ihnen.
Das ist wohl eine Zustandsbeschreibung aber nicht die Wirklichkeit.
So jetzt habe ich so viel gesagt, ohne ein Bild zu zeigen.
Also erst einmal die besten Gruselkammern.

Großmeister 1, Jos de Gruyter, Harald Thys, Belgischer Pavillon


"Die Rattenfrau"

Der Belgische Pavillon ist wirklich ein ganz besonderes Horrorkabinett - aber gleichzeitig unglaublich witzig, - wenn man schwarzen Humor mag.


Die Kohlezeichnungen an den Wänden haben mich aber mehr beeindruckt - und sehr berührt.

Großmeister 2, Horrorkabinett Frankreich.


Über weiche Böden, in die Kulturschrott und zerstörte Natur eingelassen sind gelangt man in gruselige Endzeitszenarien.

Gruselgroßmeister 3, Russland, Alexander Sokurov und Alexander Shishkin-Hokusai
haben zum Thema "der verlorene Sohn" mit Zitaten aus der flämischen Malerei ein grandioses Hexenspektakel abgezogen.




Daneben gab es natürlich noch jede Menge politisch korrekte Aussagen - aber oft eher eindimensional, dazu zähle ich auch den deutschen Pavillon mit der riesigen Mauer von Natascha Süder Hampelmann, die Mauer leckt schon, unten kommt ein kleines Rinnsal heraus. Geht klar! Habe ich kapiert!!

Die schönsten Überraschungen boten für mich eher die kleineren Beiträge, vor allem im zentralen Pavillon.
Südafrika, Kemang Wa Lehulere, mit seiner Stammesversammlung aus Lautsprechern, war einfach nur großartig.


Und die Maskenfotos von Gauri Gill sind ebenfalls fantastisch



  Für mich waren es  die kleinen Länderbeiträge, die mich überrascht und angeregt haben. Auch die Galerie der Elfenbeinküste, großartig



Der Film, der im kanadischen Pavillon gezeigt wird ist grandios. Aber mit 170 min Länge, sprengt er den Rahmen des Zeitbudgets von Ausstellungsbesuchern. Ich würde mir den Film gerne in Ruhe anschauen.
Morgen wollen wir noch ins Arsenal. Aber ehe Friederike neben mir zu müde ist, möchte ich sie doch schnell noch zu Wort kommen lassen.

(f) ja, das war ein herrlicher Tag: ausschlafen, gemütlich frühstücken, was Nettes anziehen, die Biennale besuchen, ein langes Nachmittagsbad im Mittelmeer, Abendessen mit vino, ein bisschen rumschlendern in diesem netten Lido di Venezia. ein nettes Viertel, wo man sich abends noch auf einen Vino und ein Schwätzchen trifft und die Hunde ausführt. Unter jedem zweiten Kneipentisch sitzt hechelnd ein Hund und ist froh, wenn der andere ihn nicht anbellt. Zu heiß zum streiten.

Und das ist mein Foto des Tages:

morgen geht's weiter mit der Kunst und dem Baden!

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