21.Tag: Von Lido di Venezia nach Porto Viro



die Karte


Die Nacht habe ich unruhig geschlafen. Es ging wohl viel im Kopf herum, wie das "Inselhopping" wohl funktionieren würde, aber auch, weil jetzt ein ganz neuer Reiseabschnitt beginnt - ohne Friederike!



In der Nacht hat es gegrummelt, aber wenig geregnet. Aber ein bisschen kühler als die letzten Tage ist es doch- um die Mittagszeit nur noch 32°!

Vom Hotel nach Alberoni sind es etwa 12 km. Ich bin früh losgekommen, leichter Rückenwind. Das untere Ende der  Insel ist schnell erreicht.


Die Anlegestelle. Niemand. Nix. Nada. Bin ich überhaupt richtig? Weiter rechts kommt nur noch der Leuchtturm. Nach etwa 5 min kommt ein Auto und stellt sich brav an. Der Fahrer ist auch etwas unsicher. Dann kommen 3 ältere Herren, die mit ihrer neuen Drohne spielen wollen. Sie sind sehr hilfsbereit. Gehen von Tafel zu Tafel. Finden aber nicht heraus, wann die nächste Fähre nach Pellestrina geht. Und war da nicht noch eine Busverbindung? Am Bushäuschen ist ein Fahrplan. Um 9:50 geht der nächste Bus. Aber es gibt doch keine Brücke auf die Insel, oder?
Inzwischen sind 3 weitere Autos eingetroffen. Einer der Fahrer meint auch, dass Die Fähre um 9:50 geht.
Also warten!!! Da hätte ich auch etwas länger frühstücken können!

Inzwischen ist es den Drohnenfreunden auch zu warm geworden. Sie ziehen wieder ab. 

Und tatsächlich um 9:50 kommt die Fähre.


Und das Busrätsel ist gelöst. Der Bus nimmt auch die Fähre! Ich frage den jungen Busfahrer, der inzwischen mit seinem Bus in der Schlange steht. " Ist das nicht ein bisschen unsinnig, dass jetzt ein Bus von der Fähre fährt und du mit deinem Bus dann wieder auf die Fähre fährst? Ich meine ja nur!" Der junge Mann lacht und nickt. "Ja, das ist schon eine seltsame Angelegenheit!" Er meint, das lässt sich nur aus der Geschichte erklären. Chioggia und Venedig lagen ständig in Streit um die Insel. Die für Venedig als "Wellenbrecher" wichtig war. Und deshalb zeigen der venezianische Verkehrsverbund noch heute, wem die Insel gehört.


Pellestrina ist an sich schon ein Kuriosum. 11 km lang und doch nicht mehr als 2 km² groß, nirgendwo breiter als 100 m. Und zusammengehalten von einer  bis zu 10m hohen Mauer an der Aussenseite, die schon im 18.Jahrhundert begonnen wurde: „Ansu romano, aere Veneto“ – (mit römischer Kühnheit, auf Kosten Venedigs) steht auf einer Tafel in der Mauer. 
 Über 4000 Menschen leben auf der Insel - die Touristen nicht mitgezählt.

An der Fährstation unten an der Insel angekommen. Das gleiche Bild. Ein junger Mann mit Fahrrad und schnellen Daumen, begrüßt mich als Leidensgenossen, sein Smartphone sagt, dass die nächste Fähre erst um 11:30 geht. Wieder eine 3/4 Stunde warten? Waren die Ankündigungen von zusätzlichen Fähren an Wochenenden also ein "fake"? Ich gehe ans Kiosk in der Nähe, trinke einen café - und kaum habe ich die Tasse leer, kommt eine kleine Barke an die Anlegestelle. Die zusätzlichen Fähren für Radtouristen gib es also doch. Ich gehe schnell noch rüber zu dem jungen Mann mit den schnellen Daumen und wecke ihn: "Un vaporetto addizionale"! Er kann es kaum glauben.


Und tatsächlich ein Fahrrad-Vaporetto. Der Fahrradtourismus über die Inseln ist im Kommen. Allerdings eher von Chióggia aus. Dort warten bei unserer Ankunft Dutzende von Ausflüglern. 
Super.


Neben dem Tourismus sind Fischerei und Muschelzucht die Haupteinnahmequelle der Inselbewohner. 

Chióggia ist eine Überraschung: Ein richtiges Mini-Venedig!


Mit Brücken und Lagunen 



Und massenhaft Touristen


Der Corso de Popolo ist ein einziges Café, unterbrochen von Kirchen und Andenkenständen.



Die Kathedrale, Santa Maria Assunta - hier die Taufkapelle und der Turm, stammt aus dem 11.Jahrhundert, was man von Außen noch ahnen kann. Innen ist sie komplett barockisiert.


Ungewöhnlich, wie ich finde, die riesige Kanzel. Da konnten mindestens 2 Priester gleichzeitig predigen. Oder ich stelle mir so einen kleine hyperaktiven Diener des Herrn vor, der wie eine gestochene Tarantel von einer Seite zur anderen rennt, um seinen Schäfchen die Schrecken der Hölle in den rotesten Farben auszumalen.

Auf der Rückseite der Kathedrale hin zum Diözesan-Museum eine schöne Himmelfahrts-Marie,



der sie angesichts der, inzwischen drückenden, Schwüle einen schönen Sonnenschirm spendiert haben.

In kleine Ausstellung gönne ich mir noch



Bonetto ist technisch versiert, - für mich jedoch etwas zu Nahe am Venedig-Kitsch eines Andenkenstandes. Sorry, Mr. Bonetto!

Aber jetzt raus aus dem Tourismusrummel. Gleich hinter Chioggia beginnt das Po-Delta. Doch zuerst führt der Radweg um die große Lagune herum. Schön zu fahren und mit interessanten Ausblicken.


Die Muschelbänke und



die Hauptbrücke kann komplett mit Fischernetzen zugemacht werden. Da gibt es kein Entkommen.

"Albert" ist heute gut drauf und findet angenehme kleine Sträßchen, 


Hier irgendwo muss der Nationalpark Po-Delta beginnen. Mein Versuch im Schatten von Pinien eine Mittagspause einzulegen, missverstehen die ortsansässigen Schnaken gründlich als Einladung zum Mitessen.
 Nichts wie weg!


Beim Vorbeifahren dachte ich, dass dies schon einer der Arme des Pos sein könnte. Doch eben stelle ich auf der Karte fest, das war die Adige, die Etsch (ja, richtig, genau die "von der Etsch bis an die ..."), die in Südtirol enspringt. Was macht die den hier!! Ohne sich um den Po zu kümmern findet sie ganz selbständig den Weg ins Meer.


Inzwischen ballen sich schwarze Wolken vor mir. Eigentlich habe ich Rückenwind, aber so ganz geheuer ist mir die Sache nicht. Und richtig, zum Glück in einem kleinen Ort, erwischt mich der erste Regenschauer - kurz aber sehr heftig. Ich kann gerade noch bei der Fischereigenossenschaft unterstehen.
Dann geht es weiter, aber ich mache doch lieber etwas Dampf 

Aber das ist jetzt ein Poarm. Der Po-Levante:


Hi, Po! Darf ich dich die nächsten Tage begleiten?

Ich erreiche Porto Viro relativ früh. Der Ort macht Mittagsschlaf



Ich darf auch schon ins Hotel. Eine Stunde später öffnet der Himmel sämtliche Schleusen. Es wird dunkel. Der Wind treibt den Hagel und Regen quer an meinem Fenster vorbei. Da hab ich gewaltigen Dusel gehabt. Erst vorgestern habe ich beschlossen, die heutige Strecke angesichts der Hitze und der undurchschaubaren Fährenlage etwas kürzer zu halten, und nicht bis zum Po di Goro zu fahren. Auf freier Strecke möchte ich nie in solch ein Unwetter geraten.


Die Hagelkörner haben Erbensgröße.

Inzwischen ist es schon nach 17:00. Langsam hört es auf zu regnen, vor dem Hotel ist die Straße ein See. Mal sehen ob ich hier heute was zu essen bekommen. Die Hotelküche hat zu.

Der Rest von Porto Viro auch. In einer Bar will man mich bis zu einem Restaurant am Fluss schicken. "Zu Fuss?" - "Nein, natürlich nicht, con la macchina!"

Sollte ich hier im Po Delta wirklich zum ersten Mal auf all meinen Reisen hungrig ins Bett müssen? 
Doch zum Glück gibt es heute überall einen Pizza Schnell-Dienst. Doch darf man dort auch essen?
Der Laden meiner Rettung stellt mir einen kleinen Tisch vor die Tür. Ich bekomme ein Bier und die Pizza aus dem Karton ist schon aufgeschnitten! Alles Gut!


Und hier ist Friederikes Rückfahrt



Ja die Fahrt hat rasant angefangen, zum Glück war ich noch recht früh dran.
Aber dieser  Zeitvorsprung hat sich zunehmend verringert und ich bin erst 10 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnsteig angekommen. Völlig nassgeschwitzt und rot wie eine Tomate.
Die Fähre hat ein bisschen getrödelt- so wie wir an dem Morgen- tja- aber es war eine wunderschöne Fahrt entlang der grandiosen Venedig-Kulisse. Ich hab mich auf dem Schiff nochmal  erkundigt, eine Wegbeschreibung zum Bahnhof  bekommen, aber ich müsste zu Fuß gehen. Dann die Ankunft am Hafen, mehrere Ausfahrten, kein Fahrradverbotsschild und zum Glück mäßig Verkehr. Zwei Spanierinnen, auch mit dem Fahrrad, wollten nach Plaza Roma, also bin ich denen hinterher. Die Schnellstrassenbrücken hoch und runter, Kreisverkehre, Ampeln, das hat alles gut geklappt. Ab Plaza Roma dann die Touristenströme, jetzt war schieben angesagt. Und dann kam die wunderschöne Calatrava-Brücke, schön geschwungen mit Stufen aus dunkelgrünem Glas. STUFEN! Und ein Verbotsschild für Fahrradfahrer. Ich weiß nicht, welcher Radfahrer freiwillig diese Stufen hochfahren würde. Also ich hab geschoben und geschwitzt.
Ja und da war auch schon der Bahnhof. Mir ist jetzt auch klar, warum alle Leute, die man fragt, als erstes sagen, dass man mit dem Fahrrad da nicht hin kommt. Nach Venedig dürfen einfach überhaupt keine Räder hinein und die Calatrava-Brücke ist ein Eingang nach Venedig.
Vor meinem Zugabteil hatte sich ein Stau gebildet, eine indische Großfamilie mit mehreren Kindern und zwei älteren Familienmitgliedern haben zig Koffer und zwei Klapp-Rollstühle im Gepäckregal verstaut. Da kam dann noch mein Fahrrad davor und alle anderen Zugpassagiere mussten sehen, wo sie mit den Koffern bleiben. Die Stimmung war entsprechend. Aber auch dem Schaffner fiel nichts besseres ein und er sagte, dass ich selber auf das Rad aufpassen solle, er übernehme keine Verantwortung. Hab ich auch gemacht solange möglich. Als der Zug nach Mailand dann proppevoll war, hab ich es aufgegeben mich durch die Leute und Koffer zu drängen um mein Fahrrad anzuschauen. Ist ja alles gut gegangen.
Endlos zogen die Mais- und Sojafelder am Fenster vorbei. Der arme Manne muss das alles in die Hitze abfahren. Dann ganz plötzlich die Berge, wunderschön im Abendlicht.
Kurz nach Bellinzona stoppte der Zug, es kam eine Durchsage, dass eine technische Störung vorliegt, „Wir haben keine Zugkraft“. Darauf gleich die nächste Durchsage“ Wenn sich ein Zugführer im Zug befindet, der sich mit dieser Technik auskennt, möge er sich doch bitte nach vorne begeben“.
Großes Gelächter im Abteil, inzwischen waren wir alle gut drauf.
Und da mich Valle in Singen abgeholt hat, war ich noch vor 12 Uhr zuhause und es begann ein heftiges Gewitter.
Morgen schreib ich noch das Reise-Resümee. Jetzt ist family angesagt.


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