29. Tag: Von Piacenza nach Pavia
"Was machen wir mit ihm, dem Wicht in diesem roten Bett, Meister Alighieri?"
"Was meint Ihr, Barbarossa? Hat sich der Wicht nicht ungebührlich über uns geäußert, heute Abend, in seinem Blog. Ich hätte da eine spezial Vorhölle für Radfahrer anzubieten: Endlos Serpentinen nach oben, heftiger Gegenwind und sehr sandige Wege?
"Das hört sich doch gut an!"
"Großväterchen, alte Hipstersocke! Du kannst es nicht aufgeben, dich aufzuspielen und in den Vordergrund zu spielen. Lass doch den Kerl in Ruhe schlafen! Lies lieber mal ein gutes Buch. Zum Beispiel das von Horst Stern über mich!"
"Da könnte jeder kommen und den großen Friedrich Barbarossa lächerlich machen!! In die Vorhölle mit ihm!"
Dumpfes Grollen im Hintergrund. Eine mächtige Stimme: "Was spielt I H R Wichte Euch denn auf!
Dieser Kerl steht unter meinem persönlichen Schutz! Er hat mir eine Woche Gefolgschaft geleistet und mir sehr viel Freude bereitet! Legt Euch nicht mit mir dem mächtigen PO an! Ihr, die Ihr nicht mal ein Mückenschiß in der Geschichte dieser Erde seid!!"
Der Palazzo Malaspina steckte wirklich voller Geister.
Zuerst kamen tagsüber Stimmen, die ständig etwas von mir wollten.
Und dann auch noch des Nachts!
Was mach ich nur ohne dich Meister Po, wenn ich dich Morgen verlassen muss? Wer wird mich dann vor diesen Stimmen beschützen? Vielleicht kannst Du mich ja deinem Söhnchen, dem Ticino empfehlen! Wäre nett!
Aber von Anfang an:
Dass Albert Schwierigkeiten beim Rausfinden aus Städten hat, da da sage ich meiner Leser*nnenschaft nichts Neues. Dass Piacenza nichts mit Fahrradfahrern anfangen kann, das wissen wir seit gestern auch.
Wenn mal Radweg, dann wird gleich übertrieben.
Gleich 2x abgesichert gegen die 4 spurige Bundesstraße.
Aber zur Ehrenrettung von Piacenza hat heute Morgen an der Ausfallstraße ein netter Obsthändler beigetragen. Für meine 11:00 Uhr Banane will er kein Geld! Schenkt er mir! Nicht die Stadt, aber der Piacenzo (?) ist doch fahrradfreundlich!
Nach heute Nacht habe ich meinen Meister Po leider nur noch einmal zu Gesicht bekommen, und das, als ich wieder einmal über eine ewig lange Brücke musste, und leider nicht anhalten konnte um mich gebührend zu verabschieden. Aber wir verstehen uns auch so! Meine Verehrung, großer Meister! Vielleicht komme ich mal zum Podeln zurück! Wenn ich meinen Kopf frei bekommen muss!
Da hinten ziehen sich seit gestern die ersten Höhenrücken hin, und auch ich merke, dass es nicht mehr ganz so topfeben ist. Meine Karte sagt, das müsste der/das/die Oltrepó Pavese sein, oder mit anderen Worten hier beginnt der Apennin - und gleich fängt das Toscangefühl an!
Immer wieder sonntags, erinnert Ihr Euch? Genau vor einer Woche saß ich am Anfang meiner Poreise in einer anderen Bar fest und schaute in den strömenden Regen. Davon heute keine Rede. Die Bar ist voll. Männer, wie gehabt - und viel, viel lauter als vor einer Woche. Hier wird diskutiert!
Inzwischen hat mich Albert wieder auf kleine Sträßchen bugsieren können, das ist nicht der offizielle Poradweg und schon gar nicht bikeline-Weg, aber wunderschön zu fahren. Die Bikeline-Strecke wäre heute auf um die 80 km gekommen!
Kleine Orte mit kleinen Burgen, kleinen Festen und kleinen Sportereignissen.
Hier soll gleich der Marathon durchkommen, ich muss da aber auch lang! Ich beeile mich, ok?
Eine Sache ist selbst für Freunde des schlechten Wortspiels absolut tabu!! Über "Sand am Po" wird in Radlerkreisen nicht gescherzt!
Statt 80 km sind es 62 wunderbar ereignislose Kilometer geworden.
Pavia mag Radfahrer. Hier bin ich knapp 5 km vom Zentrum entfernt. Radwege mit Schattenbäumen. Auch sonst ist die Einfahrt nach Pavia auf Radwegen sehr angenehm.
Zum Schluss sogar schon ein Stück am Ticino - oder zumindest an einem Kanal des Ticiono - entlang.
Auch hier sind noch Reste von Schleusen zu sehen. Reste einer Flussschifffahrtsvergangenheit (tolles Wort 3s und 3ff) oder eines Fehlversuchs, wieder der erste Kanal im Altmühltal.
Der Weg zum Hotel ist schon Teil des heutigen Sightseeingprogramms. Das ist die San Francesco Kirche, sehr schöne Fassade!
Dann die Geschlechtertürme. 3 gib es hier noch von einstmals über 50. Diese seltsame Reaktion des Landadels, der sich durch den Wohlstand der städtischen Patrizier herausgefordert fühlte, auch in die Städte zog, aber seine "Burgen" mitbrachte, aber in die Städte auch nicht mehr passte und deshalb eine Fehde nach der anderen vom Zaune brach .
Und natürlich der Dom.
Nach der Siesta, dann eine gründlichere Stadtbesichtigung zu Fuss
Der Dom ist ein gewaltiger Steinhaufen, mit Kaminen, Erkern, Treppen, - ob man darin tatsächlich herumklettern kann? Faszinierend. Das ist die 3.größte Kuppel Italiens.
Im Inneren fast protestantische Strenge.
Am Eingang der großen Krypta, mein heutiges Lieblingsbild.
Bischof Weissnichtwer zieht in den Kampf gegen Sauron den Schrecklichen, mit wehender Soutane und der perfekten TaiChi- Haltung.
Einen eigenen Glockenturm hatte der Dom nie. Die Glocken hingen im torre civico, 1989 ist er bei einem Erdbeben eingestürzt.
Pavia hat einiges zu bieten. Schließlich war hier eine der ersten Universitäten überhaupt.
Natürlich die Santa Maria del Carmine. Perfekte Backsteingotik.
Perfektionismus kann auch ermüden.
Schön dagegen das Innere. Zum Beispiel an der Gegenfassade, die Ex-Voto-Bilder über die Wunder der Hl. Maria zu Pavia.
Hier die Dame, die aus dem Ticino gerettet wurde - aber Zeit fand ihre wertvolle Fracht nicht los zu lassen.
Oder die Dame, die von Teufeln befreit worden ist:
Aber auch die vielen Reste von Fresken.
Und natürlich die musizierenden Engel mit Rabe
In Pavia hätte man auch noch einen weiteren Tag auf Erkundung gehen können. Doch Morgen geht es rechts ab, den Ticino hinauf. Mailand lasse ich auch rechts liegen.
Wäre schön, wenn Ihr Morgen wieder reinschaut.
Bis dann
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