30.Tag: Von Pavia nach Magenta





Am Abend stelle ich mir immer vor, wie die Strecke am nächsten Tag wohl sein wird - meist wird es dann völlig anders.
Den Nationalpark Ticino stellte ich mir wild vor. Radwege durch Auwälder und entlang des vor sich hin mäandrierenden Flusses.
Nichts davon. Der Ticino mäandriert schon - und teilt sich in Arme auf, bildet Inseln und scheint ein wenig Mini-Amazonas zu sein. Aber es gibt keinen durchgehenden Radweg an seinen Ufern.



Es gibt Rundwege - "Anellos" - Ringe. In eine Flussschleife hinein und wieder zurück. Das kann man den ganzen Tag machen, aber nicht, wenn man auch noch Strecke zurücklegen möchte. Aber einmal hätte es mich schon gereizt.


Nö, dann doch lieber nicht.  Da muss ich doch an Tittmoning denken. Nicht mit vollem Gepäck!

Aber von Anfang an:

Aus Pavia komme ich schneller raus, als hinein. 
Ein Kloster noch, das leider zu hat und dann beginnen die Felder und kleinen Dörfer. Kleine Sträßchen.
In Torre d`Isola ist es noch ein wenig zu früh für eine Kaffeepause. Hätte mir aber gefallen.


Heute wird es ein Tag durch die Reisfelder, entlang von Kanälen und Bewässerungssystemen - und ein Tag für Vogelbeobachtungen.




Könnt Ihr sie erkennen, das sind Ibisse!! Die heiligen Vögel der Ägypter!  Habe ich bisher nur in Filmen gesehen. Natürlich nicht die Krähe im Vordergrund, aber dann links einer und zwischen zwei Kuhreihern einer. Tolle Tiere.
Dann natürlich jede Menge Kuhreiher


Ok, weiße Flecken sitzend, weiße Flecken fliegend! Aber die kennt man ja.


Graureiher, Uferschwalben (versuch die mal zu fotografieren), Eisvögel... einmalig!

Und all das auf tollsten Radwegen!

Wenn man glaubt, man hat verstanden, wie "der Italiener tickt" - dann kommt die Überraschung!
Es geht auf 10:00 Uhr zu, es wird langsam Zeit für meinen "Americano", da kommt  Bereguardo gerade recht.


Was habe ich in den letzten Tagen zusammengeschwafelt  über die seltsamen Biotope der Männercafés? Mal die Starrer, mal die Diskutierer, immer die Raucher, immer die Zeitungsleser. Bullshit,  heute war ich in einem reinen Frauencafé, nicht ganz, aber zu 90%. Und wenn Ihr glaubt, gestern, am Sonntagmorgen war es laut. Kein Vergleich!
Was ist hier los? Ist Montag - Frauencafétag? Liegt es an der Uhrzeit? Liegt es an Bereguardo? Ich habe es nicht herausbekommen. War aber total nett bei Angela und Ihren Frauen!

Ab  Bereguardo legen die Meister der Radweggestaltung noch eine Schippe drauf. Ab hier beginnt  der absolute Superradweg entlang des 




"Der Naviglio de Bereguardo ist einer der künstlichen Kanäle, die ursprünglich für die Binnenschifffahrt vorgesehen waren und zwischen dem Spätmittelalter und dem 19.Jahrhundert im Raum Mailand ausgegraben wurden." 
- der wie es im Text heißt - die linea dirreta durch den Nationalpark ist.

Albert zeigt es an. Ich fahre heute den ganzen Tag kontinuierlich "den Berg hinauf" - und die Fließgeschwindigkeit des Ticino oder des Kanales bestätigt es, hier wird ein anderes Tempo vorgelegt, als bei Großväterchen Po. 
Heute im Laufe des Tages werde ich etwa 100 Höhenmeter machen, unmerklich aber stetig. 100 m auf 50 km. Bei einer solchen Steigung würde ich es locker auf den Mount Everest schaffen. Das wäre auch nur eine Rampe von ca 4.000 km. D.h. wenn man kurz hinter Ankara mit der Rampe anfinge, dann käme ich locker und leicht auf das Dach der Welt. Und mit den Staus unter dem Gipfel hätte es auch ein Ende. Die Höhenanpassung wäre kein Problem - ich habe die ersten 100m wirklich total leicht weggesteckt!!


Ich hatte ja so etwas vermutet. Ein Kanalsystem, das im 19. Jahrhundert nicht mehr funktionierte, ist heute das perfekte Bewässerungssystem für die Landwirtschaft. Regelmäßig fahre ich an solchen alten Schleusen vorbei.
Seit einiger Zeit wundere ich mich, warum der Kanal voll mit "Gras" ist.

Hier kommt die Antwort:


Die Kanalputztruppe ist unterwegs und gut drauf.


Ich frage mich, wie kommen die mit ihren Booten um die alten Schleusen herum? Einfach die kleinen Wasserfälle runter, mit den Booten? Das klappt eher nicht? Ein Rätsel, das ein solches bleiben muss.

Dann kommt "die Stimme aus der Ferne" wieder: "Schau mal, jetzt ist das Wasser so schön sauber und klar!" 
"Aber schau DU mal, wie stark die Strömung ist, da hältst du dich nicht! Machen wir einen Kompromiss!"


Mittagspause mit Kühlung:


Das bisschen Wasser an den Füssen reichte heute aber nicht annähernd. Es wird immer heißer. Um 18:00 hatte es noch 38°. 

Das Erstaunliche an der heutigen Etappe ist, dass ich eigentlich die ganze Zeit kaum von Mailand entfernt fahre, - und lange Zeit absolut nichts von dieser Metropole mitbekomme. Anfangs ist es sogar richtig still. Um die Mittagszeit hört man dann schon eher Flugzeuge.
Und irgendwann rücken die Vororte natürlich näher.



Aber alle Vorort-Horror-Erfahrungen bleiben mir heute erspart. Im Gegenteil, ich wechsle bei Abbiategrasso den Kanal und es geht genauso entspannt und  autofrei weiter. Es wird sogar noch "historisch"

Cassinetta und Castellazzo müssen wohl die Sommersitze reicher Milaneser gewesen sein. Ein Palazzo schön als der andere.




B&B mit Blick auf´s Wasser?


Bei der Wahl des heutigen Etappenziels hatte ich mir was gedacht. Magenta liegt an der Bahn, ich komme gegen 1:00 an. Ziehe mich um, und fahre noch nach Mailand rein. 40 min, einmal Umsteigen zum Dom.
Doch erstens kommt es anders.... 
Mein "B&B La Gare" liegt zwar genau am Bahnhof (was sich heute Nacht vielleicht als Nachteil erweisen wird), aber um die Uhrzeit ist niemand da. Auf die Klingel antwortet niemand. Die Telephonnummer, die ich habe - "not available". Ich klingle noch einmal, nichts. Ich schaue nach: "Einchecken nicht vor 14:00 Uhr." 
Ok, ich setze mich ins Bahnhofscafé und warte. 
14:00. Ich klingle wieder. Da öffnet eine junge Frau die Tür. Sie ist Gast und hat auf den Pizzaboten gewartet. Sie hat eine andere Nummer. Ich rufe dort an. Es wird abgehoben. Doch die Kommunikation gestaltet sich schwierig. Sie spricht gut Russisch und schlecht Italienisch, ich weder noch!
Schließlich, sagt sie "10 Minutes". Also gut, ich warte. Nach einiger Zeit kommt eine Russin mit dem Fahrrad und schließt auf. 
Sie hält mir ein Telefon hin. Aber die Stimme am Telefon spricht auch nur Russisch und schlecht Italienisch. 
Aber ich bin schon mal drin. Dann einigen sich die beiden Damen telefonisch, welches Zimmer ich bekommen soll, das geht noch relativ schnell. Schwieriger wird es das Passwort für das Internet herauszubekommen  Hin und her. Phasenweise mit dem Google-Übersetzer.
Bis Alles geklärt ist und ich mein Zimmer bezogen habe und geduscht haben, ist es schon 15:30. Der nächste Zug geht um 16:15 - in der Stadt um 17:00 - ach nööö, vielleicht hat Magenta ja auch etwas zu bieten. 
Und Mailand dann ein andermal mit mehr Zeit!
Das B&B La Gare ist wieder ein kleines Horrorkabinett. Alte Villa, wahrscheinlich vom Chef der Eisenbahngesellschaft persönlich. Riesenzimmer, überall Duftstäbchen, dass man das Müffeln nicht riechen soll. Jetzt riecht es nach Mottenkugeln, alten Büchern und schweren Stoffen mit einem dicken Deckel von Patschuli. Legt sich ein bisschen auf die Lunge. Alles fühlt sich ein wenig klebrig an. Das kommt nicht von der Hitze! 
Ich habe eine Art Wohnung mit eigener Eingangstür, einem Bad extra, und ein Zimmer ist abgeschlossen. Im Schreibtisch, in den Schränken und im Bad Gegenstände von einer anderen Person. Das möchte ich eigentlich nicht haben.



Im ersten Stock der Salon. Frühstücksgedecke sin schon parat. Das mag ich überhaupt nicht, wenn ich das Gefühl habe,  ich muss vor dem Frühstück meine Teller abstauben.
Und überall Antiquitäten! 


Auf  Tischchen Familienfotos und neben dem Kamin die Golfschläger. Hier hat sich kein Innenanrchitekt ausgetobt, sondern das ist jemand ausgezogen und man hat alles stehen lassen. Wenn das nicht wieder Alpträume gibt.

Es gibt zwar eine Art Klimaanlage in der Decke. Die dient aber gleichzeitig als Haustelefon, jedenfalls verstehe ich jedes Wort aus der Wohnung nebenan. 
Hoffentlich konnten sie ihren Streit heute Nachmittag beilegen.

Nach der Siesta mache ich mich auf Magenta zu erkunden. Überall Tafeln zur "Schlacht von Magenta" - ein "Schlacht -von- Magenta- Museum" - Mann bin ich ungebildet, sagt mir nichts. 
Inzwischen einen Museumsbesuch und entsprechende Internetseiten später, bin ich schlauer. Magenta war enorm wichtig bei der Entstehung des italienischen Staates.
1859 gehörte die Lombardei und Venetien noch zu Österreich (daher, siehe oben: "Zu Mantua in Banden..."). Das Königreich Sardinien begehrt auf, wird von der II.Republik, also von Frankreich, unterstützt, Österreichische Truppen marschieren nach Süden und werden bei Magenta geschlagen. Das ist der Anfang vom Ende von der Österreichischen Herrschaft in dieser Region. 
Das ganze gehört auch zu "Solferino" - da hätte bei mir was geklingelt! 
Joseph Roth, "Radetzymarsch", der junge Kaiser Franz Josef und die Lesebuchgeschichte.... tolle Story.

Sonst hält sich das touristische Angebot in Grenzen. 


Das ist natürlich nicht der Mailänder Dom, dafür bin ich aber schon nach 10 Minuten mit der Besichtigung durch. Zeit für den Aperitivo Milano. Jetzt haut´s mich aber wirklich um


Die Kneipen sind rappelvoll - alles Frauen (90%) und in der nächsten ebenso!



Liegt es etwa am 5. August oder geht die Milanesa einfach gern mit ihren Freundinnen montags aus!!


So etwas nennt man "Montagetechnik" - und das ist hochmanipulativ. Natürlich stehen die Männer nicht daneben und trauen sich nicht in die Bars. Mitnichten!! (oder vielleicht doch?)
Der Ethnologe steht vor einem Rätsel.

Seit gestern ziehen heimatliche Gerüche durch die Innenstädte- es gibt wieder Dönerläden - und was besonders schön ist, du bekommst dort schon vor 19:30 was zu essen.
Die italienischen Essgewohnheiten, und meine Zeitstruktur haben in den vergangenen Tagen nicht immer gut zusammen gepasst. Wenn ich vom Rad steige ist pranzo gerade rum - und ich könnte auch nicht gleich was essen. Und bis 19:30 oder gar 20:00 Essen ist es lange hin.

Inzwischen bin ich wieder in meiner Eisenbahnervilla. Beim Reinkommen entdecke ich das Schild: 9.2 bei Booking!!! 
Das ist der Hammer! Da haben die netten Russinnen die St.Petersburger Verwandtschaft mit Wodka bestochen, endlos gute Wertungen abzugeben!! Aber so was von daneben!!!

Aber die Nacht geht auch rum. Bisher habe ich überall gut geschlafen. 
Gerade eben fuhr ein längerer Güterzug durch den Bahnhof. Da fängt mein Bett zu zittern und leicht zu wandern an.
Hoffen wir, dass es nicht zu viele Güterzüge auf dieser Strecke gibt.

Was ich mir merken muss:

La Gare heißt Bahnhof - und selbst wenn ich vorhabe, den Zug zu nehmen. Nie mehr in Bahnhofsnähe buchen!! Wirklich nie mehr!!

Bleibt mir gewogen- und schaut Morgen wieder vorbei.


Kommentare

  1. Oh was für tolle Badeplätze. Und einen solch bequemen Radweg. Die Stimme aus der Ferne ist ganz neidisch. Nicht auf das Russengruselschloß. Brrrrrr!

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